Pallas

Pallas - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Schon nicht mehr von dieser Welt, ihre zarte, auf einem noch menschlichen und einem fischgleich im Wasser zerfließendem Fuße, bald dahin strömende Gestalt, tritt anmutig und den schönen Leib durch Kriegerinnenhelm und Aigis halb schützend halb preisgegeben, Pallas mir entgegen. Ich sehe sie jeden Tag. Sie sieht mich nicht an. Sie sieht in sich hinein, vielleicht schon in die Welt, in die sie einfließen muß. Aber ich muß sie ansehen, immer wieder. Ich liebe ihre Traurigkeit, ihren Stolz, ihre Kraft auch, ihre Schönheit, natürlich.

Pallas, die Tochter des Wassergottes Triton, wuchs zusammen mit Zeus’ Tochter Athene auf. Die beiden Mädchen liebten es, sich gemeinsam spielerisch in kriegerischen Kämpfen zu messen. Als bei einem dieser Kämpfe eine ernste Wendung einzutreten drohte und Zeus sah, das Athene von Pallas geschlagen werden würde, warf er die Aigis, seinen Schild, seine persönliche blitzesprühende Gewitterwolke, zwischen die jungen Frauen. Pallas ward abgelenkt, blickte zur Seite und wurde in diesem Moment von Athene erschlagen. Athene fertigte in ihrem Schmerz ein Bildnis der Freundin, deren Brust mit der Aigis verhüllt, die sie vor den todbringenden Blitzen geschützt hätte.

Ich betrachte die stille Gestalt: ihr langes Haar, wellenförmig regelmäßig unregelmäßig den schönen Kopf umspielend, gebunden nur wenig, um bei den Kämpfen nicht zu stören, und doch die sanfte Weiblichkeit verlockend zu betonen, fließt im Rücken in den Frauenkörper hinein, gleich den, sich mit den Wassern vereinigenden, Füßen. Die Tochter Tritons, die Meeresschöne. Ihre Kampfeskünste wurden durch die unfehlbaren Blitze der Aigis zunichte gemacht, kehrten sich gegen sie. In stiller unsagbarer Trauer, die auch Athenes schmerzlichen Verlust zeigt, senkt sie die Augen, und geht, obwohl, und das vergesse ich manchmal, wenn ich in leisen Minuten sie ansehe–in schweres Metall gegossen–sich langsam im Meere auflösend, so scheint es, der Ewigkeit entgegen.

 

Susanne Theumer


Das Artefakt

Das Artefakt - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Ein riesiges Auge in einer Schnecke, Knochenreste eines Säugetiers und andere Fragmente des Lebens liegen halb verschüttet in verworfener, unwirklicher und lebensfeindlicher Erde. Es könnte eine gewaltige Schlammlawine gewesen sein, die zur Verschüttung führte. Heraus ragt immer noch eine kolossale Hand. Die Finger sind zum V geformt. Zur Geste des abendländischen Sieges- und Friedens- sowie des asiatischen Glückszeichens. Vor diesen Überresten steht scheinbar hilflos ein kleiner staunender Raumfahrer. Vielleicht ist er gerade in der archaischen Raumkapsel gelandet? Ist dies möglich? Das Raumschiff erinnert an eine mittelalterliche Rüstung, an ein technisches Relikt aus vergangenen Zeiten. Mit seiner Form und Farbe irritiert es die scheinbar so eindeutige Szene. Der Ausstieg ist wie ein altes zerbrochenes Wasserrohr geformt. Ist diese Kapsel noch flugfähig gewesen? Kam es aus einer anderen Zeit? Hat der Reisende die Zeitkontinuität überwinden können, wie es der Film „Interstellar“ erzählt? Sieht er sogar Relikte einer außerirdischen Zivilisation?

Das Werk stellt Fragen und überlässt dem Betrachter vielerlei mögliche Antworten. Das Artefakt zeigt sich als Kapriole, als eine spannende Irritation, als Gegensätzlichkeit zu unseren Erfahrungen und tradierten Bildwelten. Der Künstler zelebriert seine hintergründige Fabulierlust. Sie assoziiert das unermessliche Glück des Entdeckers zunächst unerklärlicher Dinge. Die Achtung vor den in ewigem Erz geformten Artefakten, der Kunst und des Lebens vergangener Zivilisationen an sich, vermittelt sich zugleich in ein nicht nur rhetorisches Staunen über ihren Untergang. Einerseits eine gespenstische Szenerie, andererseits ein Sinnbild der Faszination der Archäologie, und eines mit einer dritten, vierten und vielleicht auch fünften assoziativen Dimension.

David Bowie hat diese in seinem Lied „Space Oddity“ 1969 in wunderbare Worte gefasst: Hier ist Major Tom, an Bodenkontrolle. Ich trete gerade durch die Tür. Und ich schwebe auf eine sehr seltsame Weise. Und die Sterne - sie sehen heute so sehr anders aus … denn hier sitze ich in einer Blechdose. Hoch, hoch über der Welt. Der Planet Erde erscheint blau. Und es gibt nichts, was ich noch tun kann …  Bodenstation an Major Tom. Ihr Schaltkreis ist tot, da stimmt was nicht. Können Sie mich hören, Major Tom?

Carsten Theumer erzählt eine zeitgenössische Geschichte, die im besten Sinne romantisch ist. Ihre Symbolkraft korrespondiert mit einer faszinierenden Plastizität. Damit bestellt er das traditionelle Feld der Bildhauerei neu.

Ulf Dräger

 


Liberty Island

Liberty Island - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Das Feuer ist aus. Die Flamme der Freiheit und des Fortschritts ist erloschen, sie ist zerbrochen und dem Untergang geweiht. Ihr Symbol – „La Liberté éclairant le monde“ oder „Liberty Enlightening the World“ – ist von einem Strudel erfasst, der sie in eine undurchsichtige Tiefe zieht. Unter Wasser oder unter Schlamm, in eine Urmaterie ohne feste Form. Sie ist Sinnbild des Abgrunds, des allgegenwärtig Dämonischen.

Die gesamte Szenerie dokumentiert den Gedanken eines völligen Schiffbruchs. Es ist eine Metapher der existenziellen Gefährdung der Zivilisation, ein Endzeitszenario für das bürgerliche und technische Zeitalter. Wie bei der Betrachtung der großen Werke von William Turner oder Caspar David Friedrich erreicht Carsten Theumer, dass dem unbefangen Blickenden ein Schauer über den Rücken laufen muss.

Ist der Traum der Freiheit bereits eine imaginäre Vision aus einer mythisch gewordenen Vergangenheit? Noch sind die Tabula ansata, die Unabhängigkeitserklärung, und die siebenstrahlige Krone der Libertas nicht völlig entschwunden. Doch die gesprengte schwere Kette, die zu ihren Füßen lag, ist bereits im Strudel gefangen. Eine der bekanntesten Skulpturen der Geschichte der Bildhauerei überhaupt ist nur noch ein archäologisches Artefakt. Damit scheint auch der monumentale Gedanke, die Inspiration der republikanischen Idee, dem Untergang geweiht zu sein.

Carsten Theumer formuliert seine Empfindungen präzise und ohne zu belehren. Die untergehende Li-   berty ist eine Antithese zu jeglichen romantischen Träumereien. Sie ist eine absonderliche Irritation, die schmerzlich vorausahnte, was die heutige amerikanische Tagespolitik befürchten lässt.

Auf den ersten Blick ist vielleicht noch Karikatureskes zu erkennen, auf den zweiten Blick verdichtet der Bildhauer zu einem treffenden Szenario unseres Daseins. Wie vor der ausschlagenden Amplitude eines Seismographen lässt die Plastik inne halten. Die geweckten Assoziationen sind vielschichtig.

Es sind aber nicht nur die erzählerischen Momente, die berühren. Es ist auch die Entdeckung ungewöhnlicher Naturformen, denen der Bildhauer nachspürt: unerklärlich amorph, wie die bizarre Lava eines Vulkanausbruchs und die erstaunliche Kraft eines Geysirs fesseln und die realen Formen der Zivilisation mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen und diese in die Erde zurückreißen. Damit findet der Bildhauer zu einem zeitgemäßen Ausdruck, der das klassische Aufgabenfeld der Bildhauerei erweitert. Die starke Symbolkraft der Erzählung korrespondiert mit einer faszinierenden Plastizität.

Ulf Dräger


Mythos Schöpfung Reflexion – des Künstlers Selbstbildnis

Wellness - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Es war der Künstler selbst, der diesem Werk den Titel „Wellness“ gab. Das leitet sich von dem Wasserstrudel ab, welcher das flüssige Wachs für den Entwurf in die Form zwang, die den Grund der Plastik bildet. Aus diesem Untergrund ragt ein vollplastisches Haupt empor. Ganz offensichtlich handelt es sich bei dem Kopf um ein ganz konkretes Portrait. Zweifelsfrei zeigt es Carsten Theumer selbst, dessen Kopf aus dem Sprudelbade sich streckt. Klassischer Weise wäre der bündige und eindeutige Titel „Selbstbildnis“ hier zu verwenden. Doch die gewisse Bescheidenheit, die Carsten Theumer eigen ist, ließ ihn einen anderen Titel wählen. Er will hier nicht „selbst“ im Zentrum der Assoziation stehen, wie es dem Topos des Autoportraits immanent ist. Doch wo steht dieses ominöse „selbst“ im und wie zum Bild-werk? Der zunächst gedeutete Whirlpool entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als etwas anderes. Teigig umfließt die Bronze den Kopf, gleichsam einem lavaesken Sumpf, von welchem der Körper bereits eingesogen worden ist. Droht etwa der Künstler zu ertrinken? Ist dies ein Sinnbild der Verlorenheit im Dasein? Oder verschmilzt er vielmehr mit dem Material? Ohne Zweifel ist auch diese Lesart nicht. Paradox und antithetisch stehen sich die Deutungen gegenüber: Niedergang und Aufstieg, Zerstörung und Schöpfung. Denn der Kopf ist bereits emporgewachsen und der restliche Körper wird im nächsten Augenblick aus dem zähen Strudel sich herausbilden. So ist diese Kleinplastik ein Sinnbild des Schöpfungsaktes. Dies kommt einem Mythos gleich. Denn der Künstler bringt als Schöpfer aus einer Masse eine Figur hervor. In diesem Fall sich selbst.

Philipp Jahn 


MuseMachtMoneten

MuseMachtMoneten - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Ausbildungsformalitäten, Anerkennung, Ausstellungsbesuche, Ateliermiete, Beschwerden, Chaos, Druck, Einsamkeit, Familie, Fortbildung, Geselligkeit, Heizung, Hochschulverwaltung, Honorare, Ideologien, Kommunikation, Krankheit, Künstlersozialkasse, Lebenshaltung, Lesen, Liebe, Material- beschaffung, Neid, Orientierung, Prüfungen, Qual, Reisen, Steuererklärung, Studierende, Technik, Themen, Unwillen, Verantwortung, Werkzeuge und Zweifel: Die großen und kleinen Dinge des Lebens beeinflussen den künstlerischen Prozess. Da steht er im Atelier, der halbfertigen Skulptur zugewandt, sie musternd und im Begriff, den entscheidenden, den richtigen Gestaltungsschritt zu tun. Die Muse ist bei ihm, sie will ihm etwas zuraunen, er neigt ihr sein Ohr hin. Jedoch ist der Musenkuss – der Moment, in dem er etwas begreift und zur Tat inspiriert wird – ein flüchtiger Augenblick. Wird er es hören? Zweifel sind angebracht. Die Muse wird an ihren Haaren weggerissen. Es ist ein Mann mit Haikopf, der sie in sich hineinsaugt. Die Arbeit entstand 2015 im Rahmen der Edition‚ ‘Muse Macht Moneten‘, an der Carsten Theumer wie auch Studierende der Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle, teilnahmen. So mag der Haimensch, der Finanzhai, die Moneten verkörpern oder vielmehr die vielen Bedingtheiten des Lebens von A bis Z, die dazu beitragen können, dass die Muse den Künstler nicht erreichen kann. Die Kunst ist frei – der Künstler ist es nicht und war es noch nie. Und wer in ein höheres Alter gekommen ist und das Glück hatte, seine Arbeitsbedingungen optimieren zu können und sich in funktionierenden Netzwerken zu bewegen, wird vielleicht feststellen müssen, dass ihn der Weg verändert hat, dass er selbst die Maske des Hais angezogen hat und in einer Rolle geschlüpft ist, die ihn von der Muse entfernt hat. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich zwei mögliche Reaktionen: die Maske abzunehmen und die Friseurschere zu ergreifen. Dann wird noch der Muse das Haar kurzgeschnitten, so dass kein Hai erneut die Chance hat, sie am langen Haar zu fassen.

Bernhard Weisser


Sprache

Sprache, Johannes Bobrowski - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Er sieht mich an, JOHANNES BOBROWSKI 1917–1965, mit wachen Augen, und nach Innen blickend zugleich, fest und fragend, sich selbst wohl und den Betrachter. Hundert Jahre nach seinem Eintreten ins Leben und mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod gestaltet der Bildhauer, der Medailleur sein Bild des Dichters, aus Buchstaben und Worten, gibt ihm seinen Namen und notiert sein kurzes Leben, 1917–1965, zwischen der Welt von gestern und einer ungewissen Zukunft, in Erz gegossen, durch die Schrift eine Anmutung von Leichtigkeit erzeugend, die in Spannung steht zu seinem Material, dessen Schwere dem „Dunklen“ des Dichters entspricht – als wolle er der Erden- und Metallschwere Flügel verleihen, Flügel des Wortes und der Sprache.

Der Baum größer al – da erhebt sich nun das Haupt vor dem Text – s die Nacht - die Aufmerksamkeit des Betrachters, der zum Leser wird, richtet sich auf die Schrift, auf den Text, auf das Gedicht. Wie es wohl weitergehen mag? … mit dem Atem – schön hat er geschrieben, lesbar, man muss die Schrift nur kennen, kaum einer schreibt mehr so, „altdeutsch“ heißt es dann meistens, als seien die Väter und Großeltern Jahrhunderte weit entfernt. Und sind doch so nah.

Bewegen soll man die Medaille, diesen Menschen von verschiedenen Seiten sehen, und dann gewinnen die Schrift und auch das Gesicht noch einmal größere Plastizität, treten hervor aus ihrem Hintergrund – Buchstaben, Schriftkörper, Wortträger, ein Mensch. In der Bewegung beginnen die Augen zu leuchten und die Schrift auch. Der Baum … auf der Rückseite kehrt er wieder, nun aber nicht allein, vier sind zu sehen, aus einer Allee, die den Weg säumt und weiterführt, auf dem endlosen Weg zum Hause des Nachbarn. Und dazu Spuren der Zerstörung, die Flut, ein versinkendes Haus, eine Menora – wer wird entkommen?

Noch einmal ein Blick zurück auf den Dichter, auf sein Porträt, das dem Betrachter entgegenkommt, markant und leise, heraustritt aus seiner Sprache und auf ihn zu – eine Begegnung. Über die Sprache und den Sprecher, der mit seinen großen Ohren auch wohl ein Hörer ist, ein Zuhörer, wie seine Zeitgenossen meinten, ein guter, aufmerksamer, zugewandter, freundlicher Zuhörer. So kommt er einem entgegen. Da sind sie beisammen, der Mensch und die Sprache, seine Sprache, traulich beisammen, in einem Werkstück des Bildners, dessen Feinheit dem Atem der Talseen und dem Geflüster über der Stille Gestalt verliehen hat.

Johannes Schilling


Der Sündenfall

Der Sündenfall - Carsten Theumer, Bildhauer, Medailleur

Esset nicht davon, rührets auch nicht an, dass ihr nicht sterbet.  (Genesis 3:1)
Oh doch! Die Schlange der Erkenntnis, welch Glück, dass sie in Eva die wissbegierige und neugierige Frau traf, die die Mutter aller Menschen auf Erden werden sollte. Welch Glück, dass sie sich Gott und seinem Verbote widersetzte. Die steinigen Wege auf Erden müssen gegangen, die Äpfel der Erkenntnis verschlungen werden. Wer will ewig leben? Oder im Paradies?
Wir wollen wissen, sehen, erkennen. Wir wollen lernen und Fehler machen.
Gut, daß Eva nicht brav war und in den Apfel biß. Gut auch, daß Adam auf seine Frau hörte. Den Apfel haben sie bis auf den Kriebsch abgeknabbert, richtig so!, nun ist er erstes Zeichen auf dem vor ihnen liegenden, zu begehenden Pfad. Die Schlange hat die Richtung gewiesen, das Ei der Erkenntnis und Symbol des Lebens, gekrönt und beschützt durch den Mut und die Kraft, die im herrlichen Schwung des Eberzahnes steckt, obenauf durch den Humor behütet, mit dem in das Leben der Frohsinn kommt, weist den beiden, jetzt noch unsicher Hadernden den Weg und den Beginn einer neuen Ära, vom Göttlichen zum Menschlichen.

Ann Odam